Tôkyô

Kämpfe

Verfasst von: binsento in: Montag, 16 April, 2007

Das gefühlte politische Desinteresse der Japaner scheint unendlich zu sein. Viele Studenten wählen erst überhaupt nicht, und wenn, dann höchstens ihren Eltern folgend. Die Wahlbeteiligung bei der Stadtparlamentswahl kriecht dann gerne auch mal knapp über vierzig Prozent vor sich hin. Nach der großen Wahlreform Anfang der neunziger Jahre, vor der die Stimme eines Bauers aus einem Nest in Shikoku zehn mal mehr Gewicht hatte, als die eines Bewohners der Präfektur Tokyo, scheint sich an der Politikverdrossenheit hierzulande nicht viel geändert zu haben. Selbst Studenten der Politikwissenschaften laufen teils in völliger Ignoranz von Seminar zu Seminar.

Wenn man aber nun den Wahlkampf in Japan miterlebt hat, beginnt man die Resignation und Ablehnung allmählich zu verstehen. Kurz vor der Wahl, starren den Passanten von jeder Hauswand die öligen Gesichter der Lokalkandidaten, mit schiefen Zähnen und einem feistem Grinsen, an. Man scheint auch überzeugt, daß man Kunden und Wähler nicht anders erreichen kann, als ihnen mit aller Kraft der eigenen, von der vielen Akquise schon krächzend tönenden Stimme ins Ohr zu schreien. Das gilt genauso für Supermärkte, Elektronikkaufhäuser und Fischhändler. Von überall her quäken die blechernen Stimmen ins Ohr. Alles spricht, alles macht Geräusche. Der LKW vor mir an der Ampel blinkt nicht nur, er sagt mir auch, daß er in ein paar Momenten nach rechts abbiegen möchte. Jede Bahnstation hat einen eigenen, unverkennbaren Jingle. Dazu kann man sich dann den Wecker kaufen, der einen dann mit dem Lied von Shinjuku panisch aus dem Schlaf prügeln kann.

Die Politiker jedenfalls fahren in kleinen Bussen, natürlich mit riesigen Lautsprechern auf dem Dach, die auch ohne Unterlass für Frontalbeschallung sorgen, durch die Straßen. Dazu, und das ist das eigentlich unfassbare, winkt der schmierige, fette Mann mit weißen Handschuhen seinen prospektiven Wählern zu. Bei weißen Handschuhen könnte man vielleicht zuerst an Mickey Maus und dann an Phantomime denken; das Gesamtbild, welches sich dem Wähler in den Straßen bietet, ist, zumindest aus westlichen Augen betrachtet, maximale Korruption, Verschlagenheit und Raffgier. Falls die Wähler in Japan wirklich auf eine derartige Präsentation reagieren, muß dieses Land ein Alptraum für ausländische PR-Agenturen sein.

Selbst der Premier präsentiert sich im Fernsehen in absolut lächerlicher, gönnerhafter Siegerpose, mit dazugehörigem Heiligenschein aus der Retorte. Wer Schröder mit seiner fetten Zigarre im Mundwinkel für widerlich und korrupt hält, der sollte zur nächsten Parlamentswahl gerne mal ins Land der aufgehenden Sonne reisen.

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