Tôkyô

Die Verhältnismäßigkeit unserer Existenz

Verfasst von: binsento in: Dienstag, 19 Juni, 2007

Kontraste bereichern das Leben. Eigentlich besteht es nur aus Kontrasten. Sobald sie verschwinden, bewegen wir uns in einer immer gleichen, grauen Masse von Alltag. Im Allgemeinen sind Japans Kontraste eher fade und ein wenig wächsern. Wenn jedoch Menschen aus aller Welt in einer Universität zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu lernen – oder vielleicht einfach nur Zeit totzuschlagen – entstehen Kontraste, wie man sie sich lebhafter kaum vorstellen kann. Was hier ankommt, ist das Treibholz der Globalisierung: Junge Menschen, die aus allerlei gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Heimatländer entstammen und es trotzdem irgendwie geschafft haben hier zu studieren. Natürlich gibt es Momente in denen es schwerfällt, die Verhältnismäßigkeit des Ganzen zu begreifen. Da gibt es beispielsweise haufenweise naseweise, verzogene, junge Gören aus Taiwan und Singapur, die in ihrem Leben nichts bewegt und nichts erfahren haben und ein Sprachprogramm, bezahlt von Papi, halbherzig bis vollkommen unbeteiligt hinter sich bringen. Dann gibt es den Studenten aus Myanmar, der sieben Jahre gespart hat, um die Studiengebühren für ein Programm aufzubringen, welches dem deutschen Austauschstudenten einfach so geschenkt wird. Dieser Student aus Myanmar, hat sein bisheriges Japanisch von Priestern in buddhistischen Tempeln gelernt und seine Schriftzeichen mit einem Stock in den staubigen Boden geritzt. Dabei schafft er es, eine der fröhlichsten und glücklichsten Personen zu sein, die ich bisher das Vergnügen hatte kennenzulernen. An dieser Stelle möchte ich meinen Hut vor ihm ziehen und auf die Rotzgören spucken. Mann darf froh sein, daß es auf der Welt noch Menschen wie den Mann aus Myanmar gibt.

Eine Antwort schreiben