Kyoto
Von Gifu nach Kyoto zwei Stunden im Zug verbracht. Das schwere Gepäck stört die JR Schaffner augenscheinlich, und so fährt man dann mit dem schlechten Gewissen, mit seinem Fahrrad jeden zu behindern gen Westen.
Kyotos dynastische Vergangenheit findet ihren Ausdruck in jeder Ecke der Stadt. Man fühlt sich sofort zuhause, kleine Gassen, alles im Schachbrettmuster. Die Orientierung fällt sofort sehr leicht und so rausche ich bald mit dem Rad durch die ausladenden Tempelanlagen im Osten der Stadt. Es gibt unglaublich viel zu sehen und ein Tag Aufenthalt reicht bei weitem nicht aus, um Kyoto in seiner Gänze zu erfassen. Die Menschen, völlig anders als in Tokyo (und glücklicherweise auch Osaka) wirken trotz der geringen Größe ihrer Heimatstadt sehr gehetzt. Wenn sich abends alles etwas beruhigt hat, wird es allerdings sehr, sehr viel langsamer als in Tokyo. Die Luft ist burgeois gefüllt mit dem Parfümgeruch der dicken Damen, die mit ihren bräunlichen Sonnenbrillen aussehen wie direkt den Sechzigern entschlüpft. Wo man in Tokyo im Gucci Kleidchen frierend durch die Nacht stöckert, trägt man in Kyoto Pelz und Goldschmuck spazieren.
Am nächsten Tag dann weiter nach Osaka. Viel zu früh, Kyoto bietet mehr zu sehen als jede andere Stadt bisher. Osaka eigentlich überhaupt nichts. Es ist laut, die Menschen sind ignorant bis unfreundlich. Überall Obdachlose, Graffiti allerorts. Die günstigen Unterkünfte liegen dann auch gleich neben der Suppenküche; irrer Straßenprediger inklusive. Einziger Lichtblick ist das, zugegebenermaßen, gute und günstige Essen auf der Straße.
Schnell weg von hier, gerne auch ohne Dusche am nächsten Morgen, denn die Duschen sind nicht nur gering an der Zahl, sondern auch vom Schwarzschimmel heimgesucht. Wie in übrigens fast jedem billigen Hotel.
An dieser Stelle eine kleine, verwunderte Exkursion in die glibschige Welt der japanischen Badekultur.
Egal wie teuer oder exquisit das Bad auch sein mag, Onsen, Dusche, Sento oder Schwimmbad, es gibt keine Badelatschen und niemand würde auch nur auf den Gedanken kommen, welche zu benutzen. Dies bedeutet, daß sich selbst im Dogo Onsen, der schon in Schriften aus dem achten Jahrhundert erwähnt wird, und der gut gepflegt und besucht ist, die Herrschaften vor über 1000 Jahren bereits ihren Fungus zwischen den Zehen holen konnten.
Auf dem Weg in den Badebereich, muß der unbedarfte Besucher in Ermangelung eigener Latschen also zuerst durch die sieben Vorhöllen der Warzen und Fußpilze schreiten. Man strauchelt, man taumelt, doch irgendwo kommt der Fuß dann doch mit dem alten Handtuch, in dem sich schon literweise Fußwasser befinden muß, oder der glitschigen Holzplanke, grünlich an den Ecken und zu groß, um darüber hinweg zu treten, in Berührung. Im Badebereich selbst muß man sich nun auf einen kleinen Schemel (idealerweise aus dem gleichen schmierigen Holz) hocken, um sich dann von Kopf bis Fuß einzuseifen. Danach geht es dann ins brühend heiße, ungechlorte Becken.
Der Höhepunkt ist dann die Sauna mit bereits ausliegenden Handtüchern, die mit Glück einmal am Tag gewechselt werden.
Auch die unweigerlich hinter jeder Eingangstür vorhandenen Hausschuhe können wohl kaum zur besseren Fußhygiene beitragen. Besonders perfide sind die Toilettenschuhe, in die man wechseln muß, bevor man sich zum Beispiel im Restaurant erleichtern darf.
Wer ein wenig Fernsehen schaut, wird merken, daß dies alles so dermaßen automatisiert ist, daß die Absurdität des ganzen den Japanern wohl nicht mehr auffällt. So schlüpfen Polizisten, wie fliehende Verbrecher in jedem Fall in die Hausschuhe, wenn die Verfolgungsjagd in eine Wohnung führt und es wird nicht gelacht, es erscheint nicht seltsam oder absurd.
Am nächsten Tag raus aus Osaka und Richtung Kobe die Küste entlang.
Keine Trackbacks bisher.